Fantasie in G
Fassen Sie mich nicht mit zarten Fingerspitzen an. Ich beiße, ich verzahne mich in Ihren Köpfen und Herzen, nehme Sie solange in Gebrauch, bis Ihre Münder erschlafft, ihre Glieder müde und die eintönige Musik Ihres Arbeitszimmers keine Musik mehr, sondern Störgeräusch dieses sonnigen Tages ist. Legen Sie den Text weg, wenn es kein sonniger Tag ist. Lesen Sie ihn mit Ihrem Nachbarn, und wenn kein Nachbar vorhanden ist, lesen Sie ihn besser nie. Versuchen Sie währenddessen nicht zu essen, die romantische Idee, sich vor lauter Begeisterung zu verschlucken würde ja doch nicht aufgehen, es geht hier nur um einen Text, nur um mich, um das Vertreiben lästiger Fliegen die meine mühsam am Balkon gezüchteten Chilis davon abhalten, mich an herrlichere Zeiten zu erinnern. Und natürlich geht es um mehr. Beißen Sie zurück! Verletzen Sie mich nicht, denn das Eingemachte an das ich mich nun wage wirft das Zerrbild eines Spiegels zurück, den ich nicht beschreiben kann und für dessen Beschreibung ich mir zwar nicht unbedingt meine Zähne ausbeißen muss, die ich aber für den einzig möglichen Weg halte, um meiner unausbalancierten Existenz einen Stab in die Hand zu drücken, mit dem ich meine verschobenen Grundpfeiler immer wieder auszutarieren vermag. Gehen Sie mit mir um, wie sie mit den Tasten der unzähligen Klaviere umgegangen ist, auf denen sie spielt seit sie sieben Jahre zählt und die sie wohl alle mehr geliebt hat als mich.
Wenn sie die Augen schloss, ihre Hände ausstreckte und meine Haut auf ihren Handflächen fühlte, dann war ihr manchmal, als ob sie ein Meer rauschen hörte, dessen Brandung an ihre Fingerspitzen stieß, die Poren ihrer Haut erbeben ließ und schließlich den ganzen Körper, nur nicht das Herz erfasste.
Auf und in ihr schwammen dann alle Erinnerungen der letzten Jahre: das sachte Anschlagen von Klaviertasten, der Duft von vertrocknetem Schweiß unter meinen Achselhöhlen, kokette Streitereien während einer ganzen Nacht und gleichzeitig das gemeinsame Hören von Mahler, immer wieder das Adagietto, immer wieder ihr Aufstehen danach, pochenden Herzens ohne Schlaf sich vors Klavier zu setzen – zu spielen; Anne war nicht mehr und nicht weniger als ihre Musik. Sie wusste alles über Chopin, spielte Beethovens Sonaten hingebungsvoll mit geschlossenen Augen, aber vom Leben wusste sie, wie sie mir zu verstehen gab, der sich immerzu mit Rotwein vor ihr betrank, wenn sie in der erschöpften Stunde nach dem Üben mit abgeschlafftem Körper auf einem Stuhl saß, nichts.
Ich sah sie daraufhin meist nur an, schwieg, umfing sie manchmal mit meinen Armen, tänzelte mit ihr durch die Wohnung und blies meiner “Muse”, die mich wohl zu nicht mehr als zum Trinken inspiriert hatte, Rauch einer Zigarette ins Gesicht. “Lern mir Leben”, flüsterte sie dann oft und bekam nie mehr zurück als ein Lächeln, ein Strahlen in meinen Augen, welches sie dann am nächsten Tag noch vor ihren Augen hatte, während das Metronom in ihren Ohren krachte, der Rhythmus ihres Lebens. Anne war Gefangene ihres Selbst. Getrieben zum Spiel, das sie selbst nie Spiel nannte, sie nannte es Üben. “Wann wirst du spielen?”, fragte ich sie.
Wenn sie von sich erzählte, erzählte sie immer nur von Erlebnissen anderer, von einem Virtuosen auf der Geige, der irgendwann nach seinem dreiundzwanzigsten Geburtstag aufgehört hatte zu sprechen, wahnsinnig geworden war, in hellen Momenten weinte, und letztlich nicht nur seinen Mund, sondern auch das Instrument verstummen ließ. Oder ihre flinken und gewissenhaften Augen sangen das Lied ihrer Großmutter, von flackernden Streichhölzern, zischend im Wasser erlöschend, wonach die schwefelige Brühe um den Hals gestrichen wurde, sie erhoffte sich Heilung;
Ich saugte all dies auf wie ein halbtrockener Schwamm. Ich nahm ihr alles was sie hatte. Sie fühlte sich nackt.
Wider Willen, aber jedenfalls um etwas zu ergründen, kramte sie eines Tages aus ihrem modrig und anheimlig riechenden Keller einen Werkzeugkasten, entfernte den Rost, öffnete ihn gewaltsam, und mit dessen Inhalt sanfter dann mich.
Zunächst entfernte sie behutsam mit ihren Fingerspitzen die Haut, die meine Brust umspannte, schnitt ein Rechteck über meinem Herzen aus, faltete dies sorgfältig zu einem Papierschiffchen. Im Geiste sah ich Matrosen darin herumklettern, hisst die Segel, auf zu neuen Landen, lichtet die Anker, der Wind kommt von achtern. Mit der Unterhaut tapezierte sie dann ihr Schiffchen, ungeachtet der Proteste ihrer Mannschaft, Rot sei keine Farbe für das Seemannsleben, blau sei die Welt. Spitzfingrig schnitt sie das Fettgewebe heraus, wählte eine dreieckige Form, drehte und wendete es, setzte dem Schiff Segel, die sie mit kleinen Splittern meiner Rippen verstärkte, gefühlvoll nahm sie diese heraus, so dass sie später jede davon wieder auf ihren Platz setzen konnte. Ihr Herz pochte, als sie die Rippen spreizte um mein Herz zu sehen, das pulsierend im Herzbeutel auf und ab schwamm, und in ihren Ohren klang wie die Wellen des Meeres; Vor ihr lag die Welt, lagen all ihre Geschichten, lag sie selbst. Sie sah wie der schweigende Meister der Geige im Schnee erfror, fühlte das Zittern seiner Glieder in ihren eigenen, spürte seinen Atem schwächer werden, fing selbst an zu schreien, zuckte mit ihren Gliedern, schlug, als hätte sie selbst ein Instrument in der Hand, auf den Tischen und Stühlen herum, traf meine Oberlippe, sah Blut fließen, bekam keine Luft, ich hielt sie fest, sie war haltlos, ertrank, wurde langsam, und griff, in ihrer letzten Sekunde, nein, sprang, huschte, schrumpfte, in ihr Schiff. Habtacht! So standen die Matrosen da und warteten. Es war still. Anne im Schiff. Auf die Größe einer Spielzeugfigur zusammengeschrumpft umflog sie mich, schwirrte um meine Ohren, hielt inne, erzählte. Ich war ihre Perspektive satt. Als sie dann Anlauf nahm, in mein Herz eindringen wollte, wendete ich mich ab und beobachtete aus den Augenwinkeln ihr Davongleiten in den Himmel. Geheimnisvoll schimmerten die Segel in der Ferne. Versinke!


















